Kein Meer in mir (Zeitraffer)

Ich träume, wie mich meine Freundin am Arm eine Treppe hochzieht. Wir bleiben vor einer Tür stehen. Ich brauche einige Zeit, bis ich mich traue, die Tür zu öffnen. Ich brauche lange, weil ich Angst davor habe, was sich hinter der Tür verbirgt. Als ich meine Scheu überwinde, sehe ich dich. Du hast ein blondes Baby im Arm.

Nach Jahren begegnen wir uns wieder.  „Ich hasse dich!“, waren im Grunde deine letzten Worte an mich. Meine Antwort darauf, habe ich vergessen. Ich denke, sie war deiner ebenbürtig.
Es riecht süßlich in deiner Wohnung. Ich stehe alleine in deinem Flur. Mir ist schwindelig und alles ist dunkel in mir. Du hast die Holzjalousien von Ikea an deinen Fenstern. Es scheint fast so, als verschließt du dich vor der Welt. Du stehst vor mir, fast marionettenhaft bewegst du keinen Muskel. Du bist da, ruhig und sprachlos.
„Komm! Ich zeige dir meine Wohnung“. Du nimmst meine Hand und wir gehen einfach los.

Dein Wohnzimmer ist aufgeräumt. Bis auf die Flecken auf dem Boden. Ein großer Fleck glänzt direkt vor deinem Sofa. Ich gehe in die Hocke, um den Fleck näher zu betrachten. Er ist schwarz und groß und vertrocknet. Ich puste den Fleck an und kann deutlich erkennen, wie er sich auflöst. Wie kleine Miniatur-Raben, die davon fliegen.  Ich weine innerlich und spüre, wie du leicht meine Hand drückst. Mein Bruder würgt. Er ist auch da.
Ich bin traurig und wie gelähmt. Ich habe tagelang das Gefühl, als atme ich dich aus. Ich kann dich durch mich riechen und schmecken. Es ist wie eine Strafe, dennoch schön, weil ich dich so spüren kann.

In deiner Küche spielt Musik. Gelbe Sonnenblumengirlanden hängen über der Gastherme. Grüne, fluoreszierende Steine, liegen auf deiner Fensterbank. Es ist alles ruhig und sonnig. Warum ist mir nie aufgefallen, dass du innerlich so schön bist?
Du zeigst auf deine Bilder und wieder weine ich innerlich. Meine Freundin nimmt mich in den Arm. Sie ist auch da.
Ich fühle mich leer und kraftlos. Zerfetzt und fehlerhaft.

„Komm, wir gehen nach oben. Da ist ein Schreibtisch, den würde ich gerne unserem Sohn geben.“ Du ziehst mich an der Hand die Treppe hoch.“

Ich sehe in einem großen Raum einen großen, schönen, wuchtigen Schreibtisch. Er ist in Brauntönen gehalten und von weißen Linien durchzogen. Braun gehört zu deinen Lieblingsfarben. Braune, lehmfarbene, fast schon vertrocknete Erdtöne und dazwischen scheint immer wieder die Sonne. Warum habe ich nie über deine Farben nachgedacht? Wir bauen den Tisch ab. Die Miniatur-Raben fliegen abermals an uns vorbei.  Während wir den Tisch die Treppe hinab wuchten, habe ich das Gefühl, als würde ich diesen gewaltigen Schreibtisch alleine tragen. „Oh man, was für eine verdammte Sch…!“, schreie ich. Ein DIN A 4 Blatt rutscht seitlich unter einer Schublade hervor. Du bist darauf zu sehen, wie du auf dem Boden sitzt, deine kinnlangen Dreads fliegen dir im Gesicht rum und an der Seite des Bildes steht „Shit“. Ich muss lachen. Jetzt ist alles nicht mehr so schlimm. Der Schmerz weicht einer Ruhe in mir.  Es ist jetzt das erste Mal, dass ich alleine in deiner Wohnung bin. Meine Freundin und mein Bruder sind bereits gegangen. Vor Wochen schon. Das Wohnzimmer ist  leergeräumt.  Du streichelst meine Haut. Fast wie ein warmer Lufthauch und kaum fühlbar. Weil du da bist, schaffe ich es, deinen Schreibtisch alleine in mein Auto zu wuchten. In 3 Einzelteilen, dennoch schwer wie Blei. Das beweisen im Nachhinein die braunen Flecken an meinen Armen und Beinen, die mir später beim Duschen auffallen.

Alle Gefühle wechseln sich in mir ab. Wie Ebbe und Flut im Zeitraffer. Mal dunkel, mal hell, mal leise, mal laut.
Ich bin ganz ruhig und lasse diese  Aspekte passieren. Sie kommen und gehen, wie Kunden an einer Kasse, eines großen Discounters.

Als ich das letzte Mal die Tür zu deiner Wohnung schließe, sage ich leise deinem Schatten auf dem Wohnzimmerboden Lebewohl.

Lota


6 Kommentare

  1. MokkaSinn

    Beim Lesen streift mich ein Spinnweben.
    Ich bin verwirrt und lese noch einmal…..

    Die Geschichte steckt voller Geheimnisse, nicht sofort sichtbar.
    Und sie lösen sich nicht auf.

    Spannend der Anfang, spannend das Ende.

  2. Lota’s avatar

    Danke für deinen Kommentar, MokkaSinn.
    Es geht um das Sterben.

  3. Ostello Jaeger

    Bin mitgenommen worden, – ein Gefühl von Abschied nehmen, Erinnerungen, geliebte Menschen…

    Danke für den schönen Beitrag

    HG

  4. cassandra2010

    Hohe Gemeinschaft

    Nimmer, nimmer vergiß, wenn leicht
    Du in vielen Gelächtern weilst,
    Wie doch jedes Leben zuletzt
    Weh wird, und mühsam ein jeder stirbt.

    Mehr als Gemeinschaft von Worten und Werk
    Bindet uns alle der brechende Blick,
    Bindet uns alle das letzte Bett,
    Und die Not, und die Not, wenn das Herz ausgeht.

    Beugst du dich tief vor des Mächtigen Schritt,
    Bebst du dahin vor der süßen Gestalt,
    Spähst du dem Feind ins eiserne Aug,
    Kniest du vor unerreichbarem Bild,

    Ahne du, ahne doch schwindenden Blick,
    Schrecklichen Atem und trockenen Mund,
    Die Hand, die sich krampft, und das letzte Allein,
    Und die Stirn, wie sie feucht wird von Elend und Schweiß.

    Und daß dir gebührt, was Allen gebührt,
    Und du verwandt bist zum endlichen Tag!
    Du bist nicht verkürzt um den Adel des Leids.
    Und schon weil du bist, bist du gleich. So sei stolz!

    Nimmer vergiß, und fühle, wie groß
    Zärtlichkeit, Güte, dein Antlitz ertränkt.
    Zartsein ist Weisheit und Milde ist Sinn.
    Stets deinem Mund ist ein Zauber vergönnt.

    Franz Werfel
    Aus der Sammlung “Einander” (1915)

    Salut
    c2010

  5. Lota’s avatar

    Ich bedanke mich bei allen für’s Lesen.

  6. Corina Wagner

    Vielen Dank für diesen Gastbeitrag, der mich beim Lesen in den Bann zog.
    Spannend verfasst. Dankeschön.

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