Ein Meer von Grabsteinen

Ein Meer von Grabsteinen

Idyllische Friedhofstille lockt Wilhelm nach draußen. Eine gute halbe Stunde benötigt er spät abends mit Hilfe eines Rollators bis zum Waldfriedhof. Heute will er es tun. Aufstehen und weggehen. Für immer. Früher, als er noch als Stürmer über den Platz flitzte und Schwalben übte, war in der Nähe ein Friedhof. Da wollte er in jungen Jahren nie hin, obwohl dort seine Eltern begraben lagen. Inzwischen gibt es dieses Grab nicht mehr, wie vieles Andere in seinem Leben. Alle aus seiner ehemaligen Fußballmannschaft sind bereits tot, wurden zu Legenden. Manche Gräber wurden zu Wallfahrtsorten. Seine Ruhestätte wird schlicht, unbedeutend. Anonym will er liegen, aber er hat einen letzten Wunsch und will mit seinem alten Fußball verbrannt werden.

Bis vor einigen Monaten wäre es für ihn unmöglich gewesen, dass er auf dem Friedhof seine einstige Geliebte besucht. Eine große Sehnsucht zieht ihn nun dorthin, so dass er aus dem Bett klettert. Es ist wie ein letztes Aufbäumen. Der 102-Jährige konnte Wochen zuvor plötzlich nicht mehr laufen und war ans Bett gefesselt. Tagelang war er wie gelähmt und hatte bereits gedanklich mit seinem Leben abgeschlossen. Er wollte und konnte nicht mehr, starrte stundenlang auf seinen völlig abgewetzten Fußball, der wie eine Reliquie in einem Schrein aufbewahrt wird.

Seit dem Dahinsiechen im Bett quält sich seine dezent übergewichtige Tochter Allmut täglich zu ihm in den vierten Stock seiner Wohnung. Er wohnt in einem Mehrfamilienhaus ohne Fahrstuhl unweit vom Waldfriedhof. Seit jenem Tag, als er nicht mehr aufstehen konnte, betreut sie ihn. Allmut sieht mehr oder weniger nach ihm, ob er noch atmet, lebt. Inzwischen ist die 72-Jährige nervlich an ihre Grenzen gekommen und will wieder mehr Freiheit, mehr von ihrem eigenen Leben. Sie muss täglich quer durch die Stadt fahren, um nach ihrem viel zu alten Vater zu sehen. Wut keimt jedes Mal in ihr auf, wie das Wuchern von Unkraut in ihrem Garten. Bislang hat ihr Vater alle Pflegerinnen vergrault, die sie für ihn organisierte. Umso länger sie nun regelmäßig zu ihm muss, umso mehr reift der Gedanke ihn irgendwie loszuwerden. Jetzt fehlt ihr nur noch ein kleiner Stoß vom Balkon oder vielleicht ein Tritt in die Ewigkeit, um wieder unabhängig, frei zu sein. Sie schläft deswegen schlecht.

Nachts träumt Allmut in immer wiederkehrenden Abständen von seiner Beerdigung. „Die Himmel rühmen“ -  jenes Lied ertönt jedes Mal im Schlaf, wenn sie an ihren Vater denkt. Wenn alle Trauergäste beim Schlussakkord zu Schluchzen anfangen, brechen bei ihr Freudentränen aus. Dann schreckt sie kurz auf, wälzt sich einige wenige Minuten im Bett fast schon dramatisch hin und her und schläft völlig erschöpft wieder ein. Früher träumte sie zyklisch von jungen nackten Männern, aber seit Monaten geht dies nicht mehr. Das genussvolle Träumen ist passé. Ihr Vater kommt mit seiner Beerdigung Nacht für Nacht dazwischen. Ihre schöne Träumerei ist ihr völlig abhanden gekommen. Sie hat auch keine Zeit mehr in die Sauna zu gehen, um schwitzende Männer zu sehen, die ihre Söhne sein könnten. Ihr Leben wird immer eintöniger. Kein Jungbrunnen mehr in Sicht.

Im Gegensatz zu ihr, die sich insgeheim immer mehr auf den Tod des Vaters freut, hat er plötzlich irgendwie doch noch keine Lust aufs Sterben. Er fasst ganz unerwartet wieder Lebensmut, will wieder kicken. Noch einmal will er Anlauf nehmen. Diese plötzliche Euphorie liegt wohl an dem Stapel von vergilbten Liebesbriefen, die er im Bett aus Langweile gelesen hat. Zu Lebzeiten seiner Frau Mechthild versteckte er die Unmengen von Briefen. Seit ihrem Tod vor zwanzig Jahren ist dies nicht mehr von Nöten. Allmut vergreift sich weder am Fußballschrein, noch staubt sie die alten Trophäen von ihm ab und an der großen Holzkiste von anno dazumal hatte sie noch nie Interesse. Sie kennt den Inhalt der Briefe nicht, hat keine Ahnung von ihren Halbgeschwistern. Hätte sie die große Holzkiste geöffnet, dann wäre ihre kleine, heile Welt zerbrochen. Der 102-Jährige will noch einmal nach draußen, sagt aber kein Wort zu seiner Tochter. Sie will ihn loswerden, aber nicht draußen, sondern drinnen soll er eines natürlichen Tods sterben, auch wenn sie demnächst ein bisschen nachhilft. Sie schmiedet Pläne, damit dem Hausarzt nichts auffällt. Ihr Vater darf nicht obduziert werden, so ihr Bestreben.

Aus lauter Verzweiflung wärmt Allmut ihrem Vater neuerdings Tag für Tag Eintopf aus Konservendosen auf, da spart sie Zeit und Energie. Schließlich kann er nicht mehr kochen und sie will nicht mehr. Zu stressig. Fürs Putzen fehlt ihr auch die Muße. Nicht schlimm, denn zu ihr kommt samstags eine Raumpflegerin. Zu ihrem Vater kommt niemand mehr, außer ihr. Er wollte es so. Allerdings hätte er gerne anders verpflegt werden wollen. Vater Wilhelm kann schon seit vier Wochen keinen Bohneneintopf mehr sehen, geschweige denn riechen, sagt aber kein Wort deswegen. Überall riecht man seine Flatulenzen. Die gelben Säcke mit den Konservendosen stinken ein bisschen in seinem Arbeitszimmer, aber Allmut sorgt in der ganzen Wohnung für Dauerbelüftung. Sie ist ja im Grunde ihres Herzens kein Unmensch.

„Genug ist genug!“ Diese Worte sagt Wilhelm nicht etwa zu seiner Tochter Allmut, als sie ihm Punkt 12 Uhr wieder eine gewärmte Dose Bohneneintopf kredenzt, sondern schreibt diese Zeilen einige Stunden später für die Nachwelt auf, als sie schon längst wieder zu Hause ist. Vier Wochen lang hat er ohne Widerstand diesen elendigen Dosenfraß gegessen. Er glaubt in dieser Phase seines Lebens, dass es ganz schnell geht. Jeden Tag schließt er im Bett die Augen, wenn er zuvor den Inhalt der Konservendose gegessen hat und hofft, dass er den Fraß auf Dauer nicht überlebt. Tag für Tag vergeht. Nichts passiert. Er überlebt den Mittagsschlaf. Jeden Tag aufs Neue glaubt auch seine Tochter Allmut, dass es die letzte Dose sein wird, die er heute serviert bekommt. So vergeht ein Tag nach dem anderen. Seine Tochter schlemmt abends, gönnt sich Berge von Pommes und Leckerlis wie Seezunge oder Roastbeaf als Ablenkung. Spät abends bekommt sie immer häufiger  Heißhungerattacken, aber die Konservendosen für ihren Vater rührt sie nicht an. Da bleibt sie eisern.

Langsam gehen ihr die Vorratsdosen aus, wenn er weiterhin so robust bleibt. Täglich bringt sie ihm eine Konservendose mit. Sie hatte sie im Angebot gekauft. 100 Stück schleppte sie in vier Tagen nach Hause und türmte sie in ihrem Gästezimmer auf. Ihrer Raumpflegerin erzählte sie, dass sie die Dosen bei einem Preisausschreiben gewonnen habe. Vater Wilhelm hat von alldem keine Ahnung. Nach der letzten Dose ist für immer Schluss. In die allerletzte Dose kommt Rattengift, so der Plan seiner Tochter. Noch hofft sie, dass er selbst bald den Löffel abgibt. Alles würde der alte Fußballer heute tun, wenn er mal wieder ein zartes Salatblatt an seinem Gaumen spüren könnte.

Doch Allmut zieht von dannen, als er die Augen nach dem Mittagessen schließt. Kein Wort wechselt sie mit ihm, kann er auch nachvollziehen. Er weiß, dass er nicht mehr nach Veilchen duftet.

Wie in Trance schleicht er am Abend durch das Treppenhaus und klaut unten im Hausflur Nachbarin Ida den Rollator. Es kommt einem Wunder gleich, dass er auf dem Weg zum Waldfriedhof nicht überfahren wird. Keiner hält ihn auf, obwohl er ziemlich wackelig und kurzatmig im Schlafanzug unterwegs ist. Er trägt nur einen Hausschuh. Sein Bart erinnert an den Nikolaus. Nur hier und da sieht man kleine rote Spritzer auf den Barthärchen, die von den Eintöpfen stammen. Ihn stört das Alles nicht.

Dann erreicht er sein Ziel. Im ersten Moment sieht er ein Meer von Grabsteinen. Eine kleine Ewigkeit läuft er im Trippelschritt durch die Friedhofsreihen, bis er auf dem Friedhof eine Parkbank entdeckt. Er lässt sich zum Ausruhen nieder und lauscht einer Amsel, die ihr Abendlied singt. Das Grab, das ihn magisch anzieht, hat er nun fest im Blick. Stundenlang verharrt er auf dieser Bank, so als wäre er mit der Bank aus Eichenholz verwurzelt. Inzwischen ist es dunkel. Sein Blick weicht keinen Zentimeter vom Grabstein seiner Geliebten ab. Das Licht einer Laterne beleuchtet die verwitterte Grabstätte. Plötzlich hört er eine Stimme und sieht einen Schatten. „Tor! Treffer! Boaar ist das geil. Voll krass der olle Fußball.“ Es war so, als säße in diesem Moment sein Urenkel neben ihm auf der Friedhofsbank und spräche mit ihm. Es ist schon weit nach Mitternacht. Niemand mehr hält sich außer dem 102-Jährigen auf dem Friedhof auf. Er starrt wie gebannt in Richtung Grab seiner geliebten Marie und sieht einen dunklen Schatten mit seinem alten Fußball jonglieren. Dann hört er plötzlich ihre liebliche Stimme, Maries Stimme. „Geliebter! Komm‘ mach mit und kicke ein letztes Mal für mich.“

© Corina Wagner, Juli 2018


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  1. MokkaSinn

    Dieser Lurchi!

    Neulich las ich von Dieter Wellershoff:
    Mein Leben war ein reich gedeckter Tisch, der jetzt abgeräumt wird.

    Wollen wir hoffen, dass er noch einen letzten “Kick” hat.
    :-)

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  2. Corina Wagner

    Ich hab’s bislang noch nicht gelesen, ist aber bestimmt prima von Dieter Wellershoff verfasst, so denke ich.
    :-) Hm, den letzten Kick gönnt man schon… :-)

    HG
    Corina

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  3. cassandra2010

    Ha! Was für eine Familienhölle, grandios verschimmelt und verrottet! Sach mal, der Protagonist hat nicht ganz zuuuufälliiiiig ein lebendes Vorbild aus … ähem… Schönau im Schwarzwald?

    ^-*
    c2010

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    1. Corina Wagner

      Nö. Das Ganze hat nix mit L. aus S. zu tun, wenn er mal uralt …

      Zu der Geschichte inspirierte mich der Dosenfraß. Neulich bekam ich eine wahre Geschichte erzählt, die mich erschütterte und sich vor einigen wenigen Wochen irgendwo da draußen in Deutschland zugetragen hat. Eine Frau, die eine ältere Verwandte betreute, fuhr in Urlaub. Für die zu betreuende alte Dame hat sie für jeden Tag ihrer Abwesenheit Konserven mit Eintopfgerichten gekauft. Unter diesen Eintöpfen gab es keine große Auswahl. Jene Person, die mit Essen versorgt werden musste, bekam also jeden Tag nur Dosenfraß. Eine andere Verwandte besuchte diese ältere Frau und entdeckte dieses Bohneneintopf-Desaster. Soweit ich informiert bin, war die Verwandte, die die alte Dame betreute, 14 Tage lang in Urlaub.
      HG
      Corina

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  4. cassandra2010

    Unglaublich… aber in unserer Pflegewüste Deutschland wundert mich bald gar nichts mehr. Der Staat verlässt sich viel zu sehr auf private Pflege, obwohl wir alle ganz nett Pflegeversicherung abdrücken dürfen!

    LG
    C2010

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    1. Corina Wagner

      Inzwischen herrscht bereits Pflegenotstand. Die Politik hat es verschlafen frühzeitig dagegen anzusteuern. Wir ahnten, dass dies so kommen würde: Pflegwüste Deutschland. Viele Menschen, die die private Pflege leisten, stoßen an ihre körperlichen, aber auch seelischen Grenzen. Nicht jeder ist dafür auch geeignet, dann nahe Angehörigen liebevoll zu pflegen. Wer es kann und sich vielleicht sogar eine Auszeit vom Berufsleben nimmt, sollte auch dafür nicht noch bestraft werden und in den finanziellen Ruin getrieben werden.

      Ich wünsche Dir eine prima Woche, liebe Hexenschwester
      HG
      Corina

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  5. Ostello Jaeger

    Das muss ich heute Abend nochmal in Ruhe lesen, viel nährstoffhaltiger Input. Hab den Kopf grad nicht so frei.

    Liebe Grüße

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  6. Ostello Jaeger

    …festgefahrene situation, zunächst, aber dann, nimmt das leben seinen lauf, bis in den tod hinein. die menschenwürde ist ein kostbares gut, wilhelm und allmut, beide wissen das, auf ihre art.
    hat mich zum schmunzeln gebracht, und ein bisschen traurigkeit war auch dabei.

    danke corina, für diese lebhafte erzählung.
    tschau

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    1. Corina Wagner

      Die Menschenwürde ist wahrlich ein kostbares Gut, lieber Ostello.
      Fein, dass Du auch schmunzelen konntest. Ich wollte keine tieftraurige Geschichte verfassen. ;-) Ein bisschen Humor schadet nie, so finde ich und grüße Dich herzlich.
      Corina

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