Auf SPIEGEL online erschien gestern ein lesenswerter Kommentar von Sascha Lobo: Plädoyer für den digitalen Soli. Darin kritisiert der Verfasser, auch fast 30 Jahre nach der Wende fehle eine Vision Ost, der Westen habe die größte Integrationsaufgabe verschlafen. Es gebe aber weiterhin Möglichkeiten, den Osten nach vorne zu bringen.

Und ja, dieser Analyse ist ohne Wenn und Aber beizupflichten. Allerdings ist zu befürchten, dass auch dieses Mal nichts substanziell Richtiges getan wird, denn die Maschine der Berliner Combo … stottert. Es bleibt zu befürchten, dass weiterhin so weitergemurkelt wird wie bisher. Es sei denn, die SPD haut endlich einmal auf den Kabinettstisch und macht den Schwarzen klar, dass es bereits fünf nach zwölf ist.

Ich weiß schon, warum ich mir keine Sekunde der “Feierstunde” in der Staatsoper Berlin zugemutet habe. Die Chose mit der Wiedervereinigung ist von Anfang falsch gehändelt worden; die DDR-Bürger wurden als arme Verwandte angesehen und entsprechend abgespeist bzw. als Kapitalismusdummlinge über jeden Tisch gezogen, in dessen Nähe sie kamen. Und jetzt wundert die Wessi-Politschickeria sich, dass im Osten der Republik das braune Gespenst wieder umgeht. Man könnte stündlich kotzen über die Ignoranz der Berliner Meister vom Hohen Stuhl. Vor allem, wenn man Wessi ist. Sollte der Worst Case, den die meisten von uns ja nun wirklich nicht wollen, dennoch eintreten, dann können wir uns vor allen anderen bei der CDSU seit 1989 und bei der FDP bedanken. Und Rotgrün sei um die die Ohren gehauen, dass sie sich auch nicht über die Maßen um den wilden Osten gekümmert haben. Das aber wäre nötig gewesen.

http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/deutsche-einheit-plaedoyer-fuer-den-digitalen-soli-a-1231369.html

Dazu fällt mir natürlich ein Text von Harry Heine ein; es ist das 12. Caput aus seinem berühmten Epos Deutschland. Ein Wintermärchen

CAPUT XII
Im nächtlichen Walde humpelt dahin
Die Chaise. Da kracht es plötzlich –
Ein Rad ging los. Wir halten still.
Das ist nicht sehr ergötzlich.

Der Postillion steigt ab und eilt
Ins Dorf, und ich verweile
Um Mitternacht allein im Wald.
Ringsum ertönt ein Geheule.

Das sind die Wölfe, die heulen so wild,
Mit ausgehungerten Stimmen.
Wie Lichter in der Dunkelheit
Die feurigen Augen glimmen.

Sie hörten von meiner Ankunft gewiß,
Die Bestien, und mir zur Ehre
Illuminierten sie den Wald
Und singen sie ihre Chöre.

Das ist ein Ständchen, ich merke es jetzt,
Ich soll gefeiert werden!
Ich warf mich gleich in Positur
Und sprach mit gerührten Gebärden:

»Mitwölfe! Ich bin glücklich, heut
In eurer Mitte zu weilen,
Wo soviel edle Gemüter mir
Mit Liebe entgegenheulen.

Was ich in diesem Augenblick
Empfinde, ist unermeßlich;
Ach, diese schöne Stunde bleibt
Mir ewig unvergeßlich.

Ich danke euch für das Vertraun,
Womit ihr mich beehret
Und das ihr in jeder Prüfungszeit
Durch treue Beweise bewähret.

Mitwölfe! Ihr zweifeltet nie an mir,
Ihr ließet euch nicht fangen
Von Schelmen, die euch gesagt, ich sei
Zu den Hunden übergegangen,

Ich sei abtrünnig und werde bald
Hofrat in der Lämmerhürde –
Dergleichen zu widersprechen war
Ganz unter meiner Würde.

Der Schafpelz, den ich umgehängt
Zuweilen, um mich zu wärmen,
Glaubt mir’s, er brachte mich nie dahin,
Für das Glück der Schafe zu schwärmen.

Ich bin kein Schaf, ich bin kein Hund,
Kein Hofrat und kein Schellfisch –
Ich bin ein Wolf geblieben, mein Herz
Und meine Zähne sind wölfisch.

Ich bin ein Wolf und werde stets
Auch heulen mit den Wölfen –
Ja, zählt auf mich und helft euch selbst,
Dann wird auch Gott euch helfen!«

Das war die Rede, die ich hielt,
Ganz ohne Vorbereitung;
Verstümmelt hat Kolb sie abgedruckt
In der »Allgemeinen Zeitung«.

Einigkeit? Und Recht? Und Freiheit?


  1. cassandra2010

    Im November 1989 legte der damalige BK Helmut Kohl einen Stufenplan ( “Zehn-Punkte-Programm” ) zur Vereinigung Deutschlands und Europas vor, der inzwischen als Wegbereiter für die Wiedervereinigung angesehen wird. In Teilen der DDR-Bürgerbewegung dagegen herrschte Skepsis gegen Kohls Plan vor. Deren Vorbehalte sind im Nachhinein mehr als verständlich, denn in bester Kolonialisierungsmanier übernahmen CDU-Altlasten wie Kurt Biedenkopf und Bernhard Vogel Regierungsämter im Osten der Republik. Unter den Publikationen, die sich mit dem mehr oder minder erzwungenen Anschluss der DDR an die BRD befassen, fällt das Buch des renommierten Historikers Horst Schneider “Artikel 23: Kein Anschluß unter dieser Nummer” durch das Aufdecken vieler unbekannter Hintergründe und analytische Sorgfalt auf. Der Autor belegt augenfällig die zahlreichen Rechtsbrüche, die mit diesem Ereignis verbunden waren und sind.

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  2. Corina Wagner

    Ein sehr schwieriges Thema, das viele Versäumnisse hüben und drüben nun deutlich zeigt. Kurze Rückblende:
    Am 7. Oktober 1989 waren noch 70 hohe Staatsgäste bei Erich Honeckers letztem Auftritt während der Millitärparade auf der Karl-Marx-Allee in Berlin anlässlich des 40. Jahrestag der Staatsgründung dabei. Zum gleichen Zeitpunkt demonstrierten Tausende von DDR-Bürgern eingie Straßen weiter gegen die SED-Führung.
    Danach überschlugen sich die Ereignisse. In der Euophorie nahmen alle an, dass wird schon werden…
    Ich hätte damals nie gedacht, dass sich das Ganze über die Jahre hinweg in die total verkehrte Richtung im Osten entwickeln könnte. Vieles trägt für Frust in der Bevölkerung bei…
    … und erschreckenderweise erwachte dort auch der braune Mob aus seinem “Dritte Reich-Schlaf”.
    Die erst kürzlich gezeigte Reportage Rechtsrockland im Ersten, die ich gesehen habe, hat mich total entsetzt.
    Wenn Politiker, die sich für die Werte der Demokratie einsetzen, nicht endlich aktiv werden, um negative Folgen der Wiedervereinigung im Osten entgegenzuwirken, dann gewinnen die Rechten immer mehr an Zulauf.
    HG
    Corina

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    1. cassandra2010

      Da gebe ich dir völlig Recht, Hexenschwester, aber die Krux ist ja gerade, dass unsere aktuelle Berliner Combo zu wenig tut, um dem braunen Mob den Marsch zu blasen…

      LG
      c2010

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