Die andere Seite des Schirms

Nach den Bildern der schrecklichen Massenkarambolage
auf der A1 kommt Werbung.
Ich beschließe zur Toilette zu gehen,
in meinen Gedanken noch das Leid der Angehörigen.
Durch die halb geöffnete Türe höre ich,
wie sich Johannes B. Kerner über seine gesunde
Ernährung freut.
Ich könnte auch gesünder leben,
schießt es mir kurz durch den Kopf.

Auf Kabel läuft ein Bericht über Dafur.
Ich lebe auf der richtigen Seite des Schirms
und schäme mich ein bisschen.
Was tun beim Anblick des Elends?
Ein Gefühl von Ohnmacht beschleicht mich.
Ich schalte um.
Es gibt immer einen Ausweg.
Bei DSDS tritt gerade eine grandiose Sängerin auf.

WDR, endlich eine Reportage.
Plötzlich bin ich ganz bei der Sache.
Es geht um eine Berliner Hauptschule.
Ich mache mir gerade eine Flasche Bier mit Feige auf,
das erlaube ich mir, weil es nur 2,5% Alkohol hat.
Es ist neu auf dem Markt, hat Eva erzählt.
Sie kennt es, aus der Werbung.
Der Rektor sagt, seit drei Jahren hätte keiner
der Schulabgänger eine Lehrstelle bekommen.

Ich will gerade die Flasche ansetzen,
da sehe ich ein etwa 15 Jahre altes Mädchen.
“Wovon träumst Du”, fragt die Stimme aus dem Off.
“Von einem Praktikum bei Kaufland”, antwortet die Kleine.
Und, “aber daraus wird wohl nichts”.
Dabei schaut sie ganz verloren
und wirkt furchtbar zerbrechlich.
Der Zuschauer weiß, was aus ihr wird.
Sie weiß es auch.
Mir schießen Tränen in die Augen.
Das ist schon seit Ewigkeiten nicht mehr passiert.
Ich schalte ab und einen Tee auf.

Die Illusion von vermeintlicher Sicherheit ist es mir wert,
zum Zuschauer und Voyeur geworden zu sein.
Weit weg von Opfern oder Tätern.
Geborgen in der anonymen Masse der Betroffenheits Gesellschaft.
Die Realität wird mir portioniert nach Hause geliefert,
in appetitlichen Dosen
und ich fresse Alles!
Ständig höre, sehe und lese ich dabei grauenvolle Dinge,
aber die Welt muss doch noch intakt sein.
Solange Dieter Bohlen Sprüche klopft
und sich Bauer Heinrich eine Frau sucht,….
da kann doch alles nicht so schlimm sein,
wie man immer tut.
Oder?
So ganz sicher bin ich mir nicht,
aber solange ich die Fernbedienung in der Hand halte,
habe ich die totale Kontrolle.

Wir ersetzen Wirklichkeit durch eine Instant Realität,
deren Pulver uns von der Medien Industrie gebrauchsfertig geliefert wird.
Vielleicht ist auch die Waffe eines Amokläufers,
nur der verlängerte Arm der Fernbedienung.
Er schaltet alles aus, was ihm weh tut und geht in eine andere Welt,

in die auf der anderen Seite des Schirms!

:(  Danke:/  Danke:)  Danke:)) Danke;)  Danke (7 Bewertung/en: 5.00 von 5 Sternen)

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10 Kommentare

  1. cassandra2010

    Remember Remember the 24th of November:

    http://www.youtube.com/watch?v=WlBiLNN1NhQ

    Always…
    c.

  2. Wendishesses’s avatar

    Das beste, was du seit langem geschrieben hast was ist auf Sat3, mein TV hat abgelebt?. Und Krem geht es nicht sooo.., kann sich mal jemand von Euch kömmern, ich meine kümmern? sonst kommt die Priesterin von Atlantis im weiß-opal-farbenen Gewand!

    1. Harald Blumenau

      Es ist eigentlich ein alter Beitrag, den ich kurz nach dem Amoklauf von Winnenden geschrieben habe.
      Das Amokgedicht von unserem Gemurmelten hat mich auf die Idee gebracht, es noch einmal aus der Mottenkiste zu holen. Freut mich, dass es Dir gefällt!

      1. Wendishesses’s avatar

        kremkramkrum ma weita

  3. cassandra2010

    Mhm, ich halte es da unter anderem mit Marshall McLuhan und Hans Magnus Enzensberger…

    http://de.wikipedia.org/wiki/Medientheorie#Theorien_der_Medien

    Man muss schon die Laufrichtung kennen..
    c.

  4. P. Lindner’s avatar

    Super! Mal wieder die Scheßreality beschreiben, aber etwas anders als die anderen. Genau so muss es auch sein, denn die Wirklichkeit wiederholt sich n groben Strukturen, datet sich jedoch stätig up.
    So klingt Dein Reigen verständlich, klar ohne viel Blab-bla. Gefällt mir!
    Grüße

    Päule

    1. Harald Blumenau

      Ha, Päule, hiergeblieben.
      ;-)
      Wir haben Dich schon vermisst, Deine knallharte Schreibe hat uns gefehlt, da musste ich meine alten Klamotten auspacken. Schön wieder von Dir zu lesen!

  5. Ostello Jaeger

    hallo an die realisten,
    das negative, finde ich, sollte immer zuerst erkannt werden, von wegen der schärfe des blickes, das schöne gesellt sich dann dazu, oder auch nicht.
    ich geb fünf ;)

  6. Mmblfrz’s avatar

    http://www.lyricsfreak.com/f/frank+zappa/im+the+slime_20057165.html

    Zu Deinen treffend gegebenen Gedanken passt wie die Faust aufs Auge
    obiger Text vom genialen Zappa

  7. Wendishesses’s avatar

    hmm! wäre als ”ja” zu deuten, wäre dieser verlixte konjuntiv nicht.

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