Sie trafen sich, wie jeden Morgen, zu ihrem kleinen Spaziergang.

Der alte Mann, etwas verwirrt und abwesend wirkend, stand wie immer pünktlich um halb neun an der Treppe, seinen Spazierstock in der rechten Hand, und sah so aus, als wenn er gleich kopfüber die Stufen herunterfallen würde.

Ich ging zu ihm hoch, griff ihm leicht unter den Arm und zusammen stiegen wir die Treppe hinunter. Mit jeder Stufe ging er etwas flüssiger, so, als wenn die Nacht ihm seine Beweglichkeit genommen hätte und die Morgensonne ihn nun langsam auftauen würde. Bis wir auf der Hälfte des Weges zu unserer Parkbank waren, wirkte er schon gar nicht mehr so alt.

Wir blieben schweigsam, während wir uns setzten. Der alte Mann vergaß häufig, sein Hörgerät richtig einzustellen, was ich dann im Sitzen korrigieren konnte. Aber heute vergaß ich es völlig. Es war auch nicht notwendig. Meine Gedanken drehten sich um einen Vorfall von gestern, der mich einigermaßen beschäftigte. Nur im Unterbewusstsein fühlte ich die wärmenden Strahlen der Morgensonne. Wir schwiegen. Ich, weil mich diese Sache von gestern noch immer etwas einnahm und der alte Mann, weil er fast nie sprach. Jedenfalls nicht mit mir.

Nach einer Weile wurde er sichtlich unruhig und sein Gesicht begann, unabhängig vom Rest des Körpers, ein Eigenleben zu entwickeln.

Es wirkte, als befände es sich in einem anregenden Gespräch mit jemandem; seine Mimik war nun fast hörbar, während sein Körper unbeweglich blieb. Seine Augen leuchteten ab und zu auf, die Lippen formten Wörter und manchmal stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Was mochte er denken? Mit wem befand er sich gerade im Dialog? Ich glaubte es zu wissen und oftmals, bei diesen sich immer wiederholenden Gesprächen, kam in mir die Vermutung hoch, ich könnte hören, wie er sich gerade mit jemandem verabredete.

Mittlerweile ist es schon viele Jahre her, dass ihm seine Frau genommen wurde. Er war mit ihr zusammen, solange ich denken konnte. Die beiden, voneinander getrennt, waren damals für mich völlig undenkbar. Sie verstanden sich fast ohne sprechen zu müssen. Ein Blick reichte ihnen, um zu wissen, was der Andere dachte. Es lag eine Vertrautheit zwischen ihnen, die ich sehr mochte.

Und dann, vor Jahren, plötzlich diese grausame Trennung. Sehr lange hat ihr Kampf nicht gedauert und sie hatte – körperlich jedenfalls – nicht allzu sehr zu leiden. Sie wusste schon seit einer Weile, was sie zu erwarten hatte und sprach nicht darüber. Sie war gefasst und hatte damals ihren Frieden mit ihrem unbarmherzigen Schicksal geschlossen. Noch immer, wenn ich darüber nachdenke, kommt es mir fast übermenschlich vor, wie sachlich und offensichtlich emotionslos sie damals mit sich und ihrem Los auf eine Ebene kam, die es ihr ermöglichte, weiterhin ein scheinbar normales Leben zu führen. Nur ihr Mann ahnte wohl und wusste vielleicht sogar, was genau in ihr vorging.

Ich weiß noch, wie er, ein paar Jahre nach ihrem Tod, versuchte, auf seine manchmal recht ungeschickte und für Einige ganz unverständliche Art wieder ein neues Leben in einer gewissen Zweisamkeit zu führen. Es gelang ihm aber nicht mehr. In den vielen Jahren mit seiner Frau hatte er einfach verlernt, wie man es anstellt.

Ein einziges Mal damals lebte er noch einmal auf. Nie habe ich etwas Genaues erfahren, aber ich war ganz sicher, dass ihm jemand begegnet sein musste, der ihm sehr viel bedeutete. Seine alte Fröhlichkeit leuchtete wieder in seinen Augen und er wirkte für einen Zeitraum deutlich jugendlicher, war überaus agil und unternehmungslustig. Von langer Dauer war dieser Zustand aber nicht. Ich habe nicht herausgefunden, was genau damals passiert war. Er schien sich aber nach dieser kurzen Episode mit seinem Los arrangiert oder abgefunden zu haben, wurde immer stiller und zog sich zurück. Ohnehin hatte er in den ganzen Jahren viele Freunde verloren. Manchmal denke ich, dass ich nun sein Letzter bin. Vielleicht weiß er nicht einmal, dass er noch einen Freund hat.

Sein Haus war irgendwann verkauft worden, das Haus, das er zusammen mit seiner Frau gebaut, eingerichtet und gepflegt hatte. Offenbar war es ihm nicht mehr wichtig gewesen. Vielleicht konnte er auch nicht ertragen, dass jeder Winkel des Hauses ihn immerzu an sie erinnerte. Er hat nie darüber gesprochen. Jetzt lebte er hier und alles um ihn herum schien ihm gleichgültig zu sein, bis auf diese Stunde unseres täglichen Gesprächs.

Als würde ihm eine innere Uhr signalisieren, dass er nun zurück muss, verschloss sich sein Gesicht. Offenbar hatte er nun sein Gespräch beendet. Seine Augen blickten wieder teilnahmslos und er verfiel in eine eigenartige, angespannte Starre. Sein Oberkörper fiel etwas zusammen während gleichzeitig seine sehnige Hand den Griff des Spazierstockes so fest umschloss, dass die Adern hervortraten. Es war wohl genug für heute. Fast gleichzeitig standen wir auf, er, wie immer, ein wenig unsicher. Langsam gingen wir denselben Weg zurück, auf dem wir kamen und an der Treppe half ich ihm beim Hochsteigen.

„Bis morgen, mein Lieber“, murmelte ich kaum hörbar. „Morgen werden wir uns wieder ein wenig unterhalten.“

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Der alte Mann hatte sich aber schon zur Haustür gedreht und schien meine Worte gar nicht mehr mitbekommen zu haben.

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2 Kommentare

  1. S. Steinebach’s avatar

    Wieder einer Deiner einfühlsamen, behutsam geschilderten Texte, die mitten in die Seele knallen. Klasse!

  2. Ostello Jaeger

    hat mich sehr angesprochen, danke für die schöne geschichte.

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