Gefülltes Sein

Etwas Schweres rollt über seinen Schädel, das ihm sein Hirn wie einen nassen Schwam in der Hand zusammenpresst. Die Flüssigkeit spritzt durch die Nasenlöcher.

Er reißt die Augen auf und gewahrt die schmutzige Decke erst nach einer Weile. Mit einem Finger fühlt er, dass er Nasenbluten hat. Eine Flasche rollt über den Boden über ihn. Ein gedämpftes Fluchen folgt. Hinter den Geräuschen vermutet Adam die beiden Penner aus dem Zweiten, die wieder einmal so besoffen sind, dass ihnen ihr Treibstoff aus den Fingern gleitet und über den Boden kullert. Es ist 8.10 Uhr – für die beiden über ihm gerade mitten in der Nachtsession oder die letzte Bestellung bevor die Lichter ausgehen.

Vom Tisch neben seinem Bett greift er – wie seine einstigen Filmhelden – nach der Whiskyflasche und nimmt einen Schluck. Auch wenn’s in der Birne pocht, zwingt er sich zum Aufstehen.

Pissen, das Glas Orangensaft aus dem Kühlschrank, dann wird der Computer angeschaltet. Routiniert blättert er in den Jobbörsen, verschickt an die fünf bis zehn Bewerbungen täglich. Seine Bewerbungskosten für das ganze Jahr hatte er innerhalb von zwei Monaten aufgebraucht. Während er surft trinkt er abwechselnd Whisky und Orangensaft, damit sich das fehlende Vitamine C wieder einpendelt. Leider hat er kein Vitamine B, ohne das man auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance hat. Zwei 600er Ibuprofen sollen die lästigen Kopfschmerzen beseitigen.

Am Briefkasten gegen 10 trifft er Carlos – sein kolumbianischer Nachbar aus dem Erdgeschoss; ein gelehrnter Sonstwas in der Tourismusbranche, geschieden, arbeitslos seit sechs Jahren, Gelegenheitsorganist in der hiesigen katholischen Kirche, auf der Suche nach Paarungsmöglichkeiten, ohne Erfolg.

  • Buenos dias! – meint Adam freundlich, doch mit unterschwelligen Signalen, dass er kein Gespräch wünscht. Er blättert kurz seine Post durch.
  • Na, wieder zu Julia unterwegs? – fragt Carlos.
  • Ja – erwiedert Adam emotionslos und grüßt ihn noch schnell, bevor die Eingangstür ins Schloss fällt.

Carlos hatte ihn mal zu sich eingeladen und irgendwas Südamerikanisches zum Essen gemacht, das nicht schlecht schmeckte. Adam hatte einen Sixpack mitgebracht, den er selbst austrinken durfte. Carlos war auch für Kippen nicht zu begeistern. Dafür wollte er von ihm etwas über slawische Frauen in Berlin erfahren. Da er wußte, dass Adam aus der Polakei kam, vermutete er, dass er auch viel mit polnischen Frauen am Hut hatte. Adam faselte irgendwas von der polnischen Kirchengemeinde in Spandau, und dass dort bestimmt auch mal ein hübscher Arsch dabei wäre. Aber als er später von der Sauerrei an Carlos Decke in der Küche erfuhr, da verwies er ihn lieber auf die ganzen Partnerbörsen im Netz.

Unterwegs zur Schule denkt er an die schwarzen Flecken an Carlos Decke.

  • Was ist das? – hatte er ihn damals gefragt.
  • Habe Spinnen verbrannt – antwortete Carlos.
  • Spinnen?
  • Ja, ich jage sie mit dem Feuerzeug über die Decke und wenn ich dann eine erwische, dann zischt es kurz und alles verkrampft.

Adam trank damals schnell sein Bier aus und verschwand. So wie Carlos unbedingt was zum Bumsen braucht, so nötig hat Adam jetzt einen Drink. Mit seinem Rad hält er kurz vor einem Supermarkt.

Kurz vor Pausenbeginn spuckt er sein Pfefferminzkaugummi weg und dann wartet er gespannt. Seine Tochter kommt wie stets lachend und hopsend zu ihm ans Schultor. Es stehen noch andere Elternteile da, also fällt er nicht weiter auf. Außerdem hatte er die Sache mit der Schulleitung abgeklärt – die Direktorin war selbst eine Alleinerziehende und hatte Verständnis für ihn.

So machte er es von Montag bis Freitag; kaufte unterwegs für die Kleine ein Splitterbrötchen, erschien zur zweiten großen Pause am Tor und gab es ihr. Es folgten ein paar flüchtige, herzliche Worte, hastige Kuscheleinheiten. Die Schulleitung drückte da ein Auge zu, denn offiziell hatte er seine Tochter nur alle zwei Wochen für’s Wochenende.

Um den wieder frisch hervorgerufenen Schmerz der Entnabelung von Vater und Tochter zu verkraften, holt er sich im nächsten Laden vier Bier und steigt in die Ringbahn. Es gibt so viel Selbstvorwürfe, Zweifel, Hass, den es schnell zu ertrinken gilt.

So fährt er im Kreis. Wenn er unterwegs mal einnickt, weckt ihn am Endbahnhof ein Fahrer, den er meistens kennt – es gibt nie Ärger.

Fettige Pommes aus einer billigen Bude, dann eine Flasche Wein geleert an einer überdachten Bushaltestelle, und wenn’s ganz kalt ist, heimlich im beheizten Warteraum am Zoo.

Immer weniger verächtlich, umso mehr gleichgültig blickt er dabei auf die ein- und austeigenden Fahrgäste mit den Anzügen und kleinen rollenden Samsonite-Koffern. Oder die aufgetakelten Pussys mit Imitaten aus dem Hause Gucci oder so. Lebende Tote in einer Geruchswolke billigen Parfums, Eau de Toilette und frittiertem McFress-Fett.

Es geht nach Schöneberg. Adam hat Bock auf Unterhaltung, die ihn für eine Weile ablenken würde. Karsten ist dafür der Richtige: selbst arbeitslos, Unmengen von Zeit, Alkoholiker und dazu spuckt er nebenbei am laufenden Meter lustige Sprüche und Witze. Aber diesmal ist er vollkommen mit seiner Playstation beschäftigt, so dass er nicht mal was zum Kiffen bereitgestellt hat. Adam geht in die Küche, wo sich das dreckige Geschirr stapelt, holt sich ein Bier aus dem Kasten und dreht sich eine Kippe.

Nein, heute Abend bei der Kälte haben sie keine Lust auszugehen, also bestellt Karsten eine Hure zu sich nach Hause. Die Frau kommt spät wie eine kalte Pizza und bringt einen Zuhälter mit, der sich in Karstens schäbiger Bude erst einmal umsieht. Als er meint, dass der zerknitterten Pussy keine Gefahr droht, verzieht er sich. Sie kommt irgendwo aus einem dunklen Teil Europas und ihr Parfum ist nicht in der Lage den stechenden Geruch in Schritt zu killen.

Zum Ficken hat Adam keine Lust, aber wenn er hier bleibt verlangt die Schlampe 40 € für’s Zugucken. Da packt er seinen Krempel zusammen, verläßt Karsten und muss ihm versprechen in einer Stunde wieder zu kommen, was er nicht beabsichtigt einzuhalten.

Das Bier ist lau und schmeckt nicht, aber in der U-Bahn ist es warm. Er schläft ein und wacht erst sieben Bahnhöfe hinter seinem Ziel auf. Auf die Bahn aus der Gegenrichtuung muss er noch 20 Minuten warten. Die lachende Julia sitzt neben ihm auf der Bank, genau wie früher, als sie zusammen auf die Bahn warteten, die sie zum Zoo brachte.

Die Schuldgefühle und Vorwürfe kommen nun mit regelmäßigen Abständen hoch, so muss er auch mit entsprechender Gleichmäßigkeit wieder nachtanken. Dann ist es wieder leer und hohl  und Adam hört die sich nahende Bahn.


11 Kommentare

  1. Sabina’s avatar

    A ab a aber Ada Adam!!! Nee, Nr Eva fur 40 ?? Hm.
    Oemi der Walds brat bruellt 500€ oder hirtentaeschl. Punkt.

  2. Corina Wagner

    Hallo Päule,
    mein lieber Schwan…
    Wer beim Lesen nicht die Äuglein verdreht und tief durchatmet, der hat den Text wohl nur andeutungsweise verstanden, liegt wohl an bestimmten Wörtern… ;-)
    Ich trinke selten Schnaps, aber nach dem “Gefühlten Sein” gönne ich mir einen…
    Gruß
    Corina

  3. Corina Wagner

    Korrektur
    Sorry – sollte “Gefülltes Sein” lauten, bin noch fix und fertig vom Lesen… ;-)
    Gruß
    Corina

    1. Wendishesses’s avatar

      aber Corinna, du kannst abba schnell kippen >;)

      1. Wendishesses’s avatar

        Corina, natürlich! natürlich sooorry!

  4. cassandra2010

    Bester P.L.,

    ein knallhartes Sujet, das Sie uns da zumuten… ich bin allerdings der Meinung, dass Sie die Rohheit und Gemeinheit noch viel zu zurückhaltend dargestellt haben; die dargestellten Figuren lösen eher Ekelgefühle aus, aber die Tatsache, dass sie Menschen sind, käme doch durch eine unbarmherzige Perspektive à la Wallraff (Ganz unten) oder – hüstel- Zola (Der Totschläger, eine schonungslose Alkoholiker- und Prekariatssaga) oder eines Bukowski zur Geltung.

    c.

    1. Wendishesses’s avatar

      Hä?

  5. Wendishesses’s avatar

    Paulchen, nu ma in echt: Was willst Du sajn??? Neugierigbin.

    1. P. Lindner

      Mache jetzt zum Schein ‘ne Rettungssani-Ausbildung, damit ich an die Kunden komme. Hab aber schon mit ‘nem Kumpel von dem die Speditionsfirma klar gemacht, dass wir dann groß im Organhandel einsteigen. Und was wills Du sein, mein Lieberß

      1. Wendishesses’s avatar

        Brüll! Wenn ich mich nicht mit meinen dritten Zähnen in der Tischkante verbissen hætt, tät ich unter selbigem liegen! Echt hab ich jesacht, ächtz!

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