Die Jagd

Allen Hinterbliebenen gewidmet

Er hörte hinter die kleinen Steine rollen. Der Hügel lag unmittelbar hinter den Gleisen.
Als er das Geräusch der kleinen Geröll-Lawine vernahm, drehte er sich um und sah wie sein jüngerer Bruder abrutschte und gleichzeitig den Versuch unternahm irgendwo Halt zu finden. Schnell fuhr er herum, packte seine Hand und zog ihn den Bahndamm hinauf.

Dann zerrte er ihn an der Hand halbnüchtern aus dem Bus, duckte sich instinktiv vor dem Regen und sah die überdachte Haltestelle.
Erst jetzt – aufgrund der neuen Situation, einer anderen Umgebung und den klimatischen Bedingungen – stellte er fest, dass er woanders war. Das mit dem Bahndamm war ein Traum, schoss es ihm durch den Kopf. Die Aufregung darüber ließ ihn wacher werden.
Er drückte immer noch die Hand seines Bruders, was klar bewies, dass er jetzt nicht träumte. Sein Bruder war nicht verschwunden, er war nur betrunken.
Piotr erinnerte sich an manche Träume, wo er Geld in der Hand hielt und beim Aufwachen – als er die Handfläche öffnete – war es weg. Jetzt war der Bruder da, er hielt seine Hand. Eine Erleichterung, die schon an Glückseligkeit grenzte überkam ihn. Wahrscheinlich war er nur kurz im Bus eingenickt und hat geträumt.

- Es war so überzeugend, dass ich für einen Augenblick nach dem Aufwachen dachte, dass es real war. Dabei war das ein weiterer Traum.
Damian lehnte sein Gewehr beiseite, zog die dicken Handschuhe aus und warf sie auf die Bank. Er spürte die Erregung seines Gegenübers. Aus der pelzigen Jackentasche holte er die Flasche Wodka und reichte sie seinem Nachbar.
Piotr nahm die Flasche dankbar entgegen.
Während des heutigen Nachmittags und der Abendstunden bunkerten sich die beiden auf einem Hochsitz ein, einer überdachten und innen mit Filz ausgelegten Jagdplattform.
- Ein Traum in einem Traum also, nicht wahr? – fragte Damian.
- Ja. Aber so etwas hatte ich noch nie.
- Du meinst, dass er da war? – versuchte sein Schwiegervater den Gedanken nachzuvollziehen, obwohl er sich lieber auf die gut 200 Meter Sicht vor ihnen konzentriert hätte.
Piotr meinte, dass sein Bruder zwar da war, aber das dieses gar nicht ausschlaggebend wäre. Das Gefühl erwacht zu sein und seine Hand noch in der eigenen zu spüren, ja, das wäre wunderbar gewesen.
- Er war mir so viel näher nachdem ich aus dem ersten Traum erwacht bin. Hatte da gar nicht realisiert, dass ich immer noch schlafe und mich lediglich in einem anderen Traum befinde.
- Hast du öfters solche Träume? – fragte Damian.
- Nein, das war nur ein einziges Mal. Ein paar Wochen nach seinem Unfall.
Darüber wurde kaum gesprochen, jeder musste mit dem Schmerz selbst klar kommen. Der plötzlich Tod seines Bruders schien die ganze Familie aus ihrer festgefahrenen Routine zu werfen und alle versuchte für sich einen Sinn in diesem plötzlichen Ableben zu finden. Piotr musste daran denken, dass sein Bruder ihn noch kurz nach dem Autounfall angerufen hatte. Dass da was mit dem Brustkorb nicht stimmte, hatte er geahnt, denn er stammelte am Hörer und gab pfeifende Laute von sich. Er hätte den Rettungswagen alarmiert, sagte er und wollte nur Bescheid geben, dass er lebt, und dass es ihm eben schwer fällt zu atmen, wegen dem Aufprall auf dem Lenker wahrscheinlich. Piotr solle noch die Eltern informieren und sie würden sich dann im Krankenhaus sehen. Doch als der Krankenwagen ankam, war er bereits tot, massive innere Blutungen, sagte später der Arzt.

- Sieh mal! – Damian stieß ihn leicht an und ließ Piotr aus seinen Gedanken fahren. – Zwischen den beiden niedrigen Kiefern, da drüben – meinte sein Schwiegervater und wies auf eine unbestimmte Stelle am Waldrand.
- Ich sehe nichts – sagte Piotr, – gib mir doch mal das Teil – er wies auf den Gegenstand zu Damians Füssen.
Dieser reichte ihm das Nachtsichtgerät und überprüfte danach seine Büchse. Es war Zeit; die Kälte fraß sich durch die mehrschichtigen Kleider, der Tee war alle und der Wodka reichte auch nicht lange. Es war eine gute Idee von ihm, dass er Piotr mit auf die Jagd nahm. Das war das erste Mal seit dem Unfall und er glaubte zu sehen, dass Piotr allmählich damit umzugehen lernte. Das erzählte ihm seine Tochter. Die Phasen, wo er einfach vor sich hinstarren würde, still und abwesend, die wären kürzer und seltener geworden. Er würde sich mehr auf den Alltag konzentrieren und wieder mit den Kleinen spielen.
- Na, hast du eins? – fragte Damian.
- Ein Keiler, mittelgroß.
Piotr schaute konzentriert durch das Nachtsichtgerät.
- Willst du ihn?
- Wieso nicht.
Damian reichte seinem Schwiegersohn die Wodkaflasche und meinte lächelnd:
- Damit die Hand nicht zittert.

Der Schnee reflektierte das Mondlicht, so dass man den dunklen reglosen Klumpen Fleisch deutlich vor sich sah. Noch 60, vielleicht 70 Meter. Es war ein sauberer Schuss und Piotr genoss den Gang durch den Schnee. Der Wald vor ihnen war jetzt ganz schwarz und nur schemenhaft konnte man vereinzelte Bäume erkennen. Das glitzernde, schneebedeckte Feld strahlte mit dem sterngesäumten Himmel sowohl Weite, wie auch Stille aus, was Piotr das Gefühl verlieh, er sei ein Teil dieses ganz großen, unfassbaren Ganzen. Er hörte ihre Schritte, das Ein- und Ausatmen. Der angenehme Rausch ließ etwas in ihm bersten, eine Sperre zwischen Diesseits und Jenseits öffnete sich, denn er war sich auf einmal sicher, eine Präsenz seines Bruders zu spüren.

Er wusste zwar um die Gefahr, weshalb er das Gewehr in Hüfthöhe trug, aber vor ihm ging ja Piotr und er hätte kein freies Schussfeld gehabt und außerdem ging es viel zu schnell.
Der Keiler riss sich plötzlich hoch, als Piotr nur wenige Meter von ihm entfernt war. Verdutzt blieb der Jäger stehen, während ihm das verwundete Tier anfiel.
Damian sah die Bewegung nicht genau, konnte aber den Stoß nachvollziehen, da Piotr plötzlich nach hinten geworfen wurde und einen kläglichen Laut von sich gab. Dann sah er, wie das Tier drehte und sich über die Lichtung zum Wald hin entfernte. Damian wusste nicht ob der Keiler noch zurückkommen würde und riss sein Gewehr hoch. Die Schwärze des Waldes oder der tiefe Schnee verschluckten das Tier und Damian konnte nur noch das Stöhnen von Piotr hören.

Es war ein kurzer, reißender Schmerz, aber der dicke Schnee fing seinen Fall auf. Der Keiler hatte ihn ganz schön angerempelt, dachte Piotr. Er blieb eine Weile reglos liegen, dann fasste er sich in die Leistengegend, konnte jedoch wegen seinen dicken Handschuhen nicht viel ertasten. Er renkte seinen Kopf nach vorn, aber es wurde ihm sogleich schwindlig und er ließ sein Haupt wieder nach hinten in den Schnee gleiten. Es war angenehmer und die Winterkleidung aus hochwertigem Stoff schützte ihn erst mal vor der Kälte. Der Wodka, überlegte Piotr, und der Stoß des Tieres haben ihn irgendwie benommen gemacht. Er sah wie sich sein Schwiegervater über ihn bückte, etwas von einer Wunde sagte und dann an seinem Bein rumhantierte. Mein Gott, war er betrunken. Aber es ging ihm gut. Damian versuchte etwas zu sagen, aber er wollte jetzt unbedingt die Sterne sehen. Natürlich würde es ihm morgen peinlich sein, dass er so viel getrunken hat, aber das war ihm jetzt egal. Er hat das Tier erledigt, es war wohl so eine Art Reflex oder letzte Regung. Er drehte seinen Kopf zur Seite, weil er den Keiler irgendwo in der Nähe vermutete, aber er konnte nichts ausmachen und dann sah er Damians Stiefeln. Als Piotr wieder hochblickte, hielt sein Schwiegervater mit der einen Hand das Mobiltelefon an sein Ohr und mit der anderen presste er auf sein Bein. Piotr war müde. Hatte er wirklich so viel gebechert? Eine Gestalt trat zu ihm, sie bewegte die Lippen, aber Piotr vernahm kein Wort. Dann konnte er vage die Gesichtszüge seines Bruders ausmachen. Dieser streckte ihm seine Hand entgegen und er ergriff sie. Es war wunderbar. Und für einen Augenblick dachte er wieder, dass er träumt. Käme jetzt der Moment des Aufwachens?

Musste wahrscheinlich eine Hauptschlagader gerissen haben, denn Piotr blutete stark. Damian versuchte es mit einen Druckverband, aber durch die dicken Kleider hielt dieser nicht gut, es blutete immer noch; die Hose wurde nass und der Schnee dunkel. Verdammt, so ein Pech! Piotr war kaum ansprechbar, schien irgendwie durch ihn hindurchzuschauen. Damian rief den Rettungswagen an, aber er wusste, dass er nicht so schnell hier ankommen würde. Wenn sie es wenigstens bis zu seinem Wagen schaffen, dann könnte er dem Krankenwagen entgegenfahren. Er nahm Piotrs Hand und wollte ihn hochziehen, damit er ihn leichter auf die Schulter hieven konnte. Piotr wollte ihn wahrscheinlich beim Aufstehen behilflich sein, glaubte Damian, denn er stemmte sich kurz hoch, bevor er endgültig in den Schnee sackte und beseelt die Augen schloss.
Beseelt – das sagte er später zu seiner Tochter, aber sie glaubte ihm nicht.


3 Kommentare

  1. Ostello Jaeger

    hallo werter p lindner – oder paul – mit verlaub,
    spannende story, packend und sehr lebensnah…
    hg

  2. Corina Wagner

    Lieber Päule,
    schön, sogar sehr schön – wieder Zeilen von Dir hier zu lesen. Ich kann mich Ostello nur anschließen, da haste aber ne spannende Geschichte verfasst. Absolut packend…
    Herzliche Grüße nach Berlin!
    Corina

  3. MokkaSinn

    sehr sehr gern gelesen!

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