Schrödingers Katze

Die Bomben fallen noch, aber nicht mehr mit so einer Intensität. Ein Expeditionskorp der Marines steht zum Einmarsch bereit. Ein Klick weiter und man will bereits die Verantwortung jemanden anderen übergeben, die eigene Karriere retten. Irgendwo steht eine Hure vor einem KIK-Laden und schreit, dass sie billiger ist. Irgendwie erschreckt mich auch die Radioaktivität vom anderen Ende der Welt, aber ich kann noch nicht recht strahlen. Was mir wirklich den Wind aus den Segeln nimmt ist natürlich Knuts Tod und die Tatsache, dass ich heute noch keinen neuen Tarifvertrag einem Kunden andrehen konnte.

Ich gehe zum Fenster hinüber, ein breites Fenster das nur wenige Zentimeter über dem Meeresspiegel steht, so als hätte man das Gefühl nur ein Schritt würde genügen, um über das Wasser gehen zu können. Eine riesige einzelne Wolke gleitet über das stille Wasser, reißt vor mir an mehreren Stellen auf und offenbart innen ein heftiges Gewitter.
Ein schrilles Schellen des Telefons lässt das wunderbare Bild verschwinden und katapultiert mich zurück in den stickigen Raum des Telecenters. Luke ist zum zweiten Mal Mitarbeiter des Monats – verkündet sein strahlendes Bild an der Wand; er hat die Tarifopfer am effektivsten verarscht und die meisten Verträge geschlossen. Bravo Luke! Bei so viel Kalkül und Kälte wäre Darth Vader stolz auf seinen Sohnemann. Bei unserem geliebten Führer, dem Imperator sind die Jalousien im Büro unterdessen heruntergelassen. Seine managing Energie widmet er jetzt der Sekretärin, die sich durch diesen Stich vielleicht zum 1st Customer Consultant hocharbeitet. Wer weiß?
Nach einem weiteren Kaffee und einigen verärgerten Kunden am Hörer, lasse ich meine Gedanken kurz durch den an den Wänden in Sprüche-Form aufgehängten New Age-Esoterik-Stumpfsinn a la „The Secret“ berieseln: „Denke positiv! Glaube an dich selbst!“, „Wünsche dir Geld – schon hast du es!“, „Visualisiere den Erfolg – morgen hast du ihn im Briefkasten“ oder „Glaube fest, als ob du es erlebst! Alles gehört dir!“. Irgendwie habe ich mich über die Jahre davon nicht anstecken lassen; möglicherweise geht gerade deshalb der große Berufserfolg und der Reichtum an mir vorbei.

Kurz nach 10 beginnt der Boden leicht zu vibrieren; ich bin mir nicht sicher ob es tatsächlich von dem Getränkeautomaten drüben kommt. Viel wahrscheinlicher ist es, dass unser Telecenter-Sternenzerstörer wieder richtig durchstartet, um neue Marktgalaxien zu erobern und den Kundenwiderstand ein für allemal zu brechen.
Bin müde, ziehe mich aufs Klo zurück, schließe ab und spritze über all die hübschen Gesichter in meinem Kopf ab. Die Augen fallen von alleine zu und ich setze mich auf den Klodeckel. So fertig bereits in den Morgenstunden; dieser Zustand muss weg. Etwas Pep wird durch die Nase gezogen. Mein Riechorgan fängt gleich an zu bluten, ist wegen den Kapillaren, die durch das Amphetamin platzen. Ich lehne den Kopf in den Nacken und mache das Licht aus.
Eine Art metallenes Netz aus lauter winzigen Käfern taucht aus der Dunkelheit des Firmaments auf, senkt sich von der Decke. Die plötzlich entstandene bedrohliche Lage, veranlasst mich dazu sich zu ducken. Ein ranghoher Offizier der Streitkräfte, der neben mir steht schielt kaugummikauend nach oben und blickt mich dann abschätzend an:
- Na du Scheißzivilist – sagt er und ich kann mir schon denken was er von mir hält. – Du solltest dich bald der Evakuierung anschließen oder du kannst hier verrecken.
- Warum? – frage ich und kauere auf weißen Kacheln, die sich rot zu färben beginnen. Ist das Blut?
- Wegen dem ganzen Ungeziefer. Hinterhältiges Pack, das sich weltweit ausgebreitet hat. Lebendig und dennoch tot. Na, kapierst du das Matschbirne?
Ich schüttle verneinend den Kopf, muss jedoch aus irgendeinem Grund an Schrödingers Katze denken, die zusammen mit einem Giftgasgemisch in einem Karton sitzt – prickelnd.
- Fitnessstudios, Buddhismus, Aufklärung auf der einen Seite, Gier, Soaps und der alltägliche Wodkaschiß auf der anderen.
- Was meinen sie?
- Für dich immer noch Sir Colonel-Major, du Arsch!
Er nimmt mich brutal bei den Haaren und stößt mich ins Wasser.
Es ist zu eng, ich kann nicht richtig eintauchen, lediglich die Birne passt gerade so rein. Ich strample mit den Händen – ein elender Trockenschwimmer, strampelnder Vogel. Das Wasser ist dreckig, eine Kloake. Mit einem Ruck taucht mein Kopf wieder auf, ich kann atmen.
Über mir brüllt der Colonel-Major:
- Wie heißt der letzte Kampfruf der Deutschen!?
- Weiß nicht – antworte ich und huste Wasser.
- „Macht mal eine zweite Kasse auf!“ – meint der Offizier und klatscht meinen Körper auf den Boden.
Es dreht sich alles und dann wird’s schwarz.

Nur ganz langsam kommt das Bewusstsein zurück. Ich liege in embryonaler Haltung neben dem Klo. Aus einer unbestimmten Ferne dringen Rufe zu mir, mein Name und dann Fußtritte gegen die Tür.
- Lebt er oder ist er tot? – höre ich jemanden fragen.
- Mensch, um das zu wissen, müssten wir die Tür aufbrechen – antwortet eine andere Stimme.
- Miau! – rufe ich. – Miau!
Jenseits der Tür wird es still.


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9 Kommentare

  1. S. Steinebach’s avatar

    Klasse! Ein echter Päule. Ich liebe Deinen Schreibstil.

  2. Harald Blumenau

    Du hast mir echt gefehlt, phantastisch geschrieben!

  3. MokkaSinn

    Meine Fresse!
    Wieder Hühnerpelle.

    Hör auf damit!

    ;-)

  4. Harald Blumenau

    Schreibst Du noch oder dichtest Du schon?

  5. P. Lindner

    Alles lediglich schriftliche Übungen, die wahrscheinlich mehr einen Beichtvater oder Psychotherapeuten ersetzen sollen, als irgend eine literarische Form darstellen.

    Hoffe, dass es Euch allen gut geht.

    Ganz herzliche Grüße!

    Päule

  6. MokkaSinn

    Päule,

    saugut sogar, trotz pelliger Haut. :-))

    Das Wochenende ist in Sicht und für mich ein extralanges mit Fahrt Richtung Hamburg.

    Feine Grüße

  7. cassandra2010

    Ha, endlich hab ich verstanden, wie das gemeint ist mit der je halben Wahrscheinlichkeitsamplitude… ;-) Danke für die Nachhilfe.

    Ich weiß schon, warum ich lieber Chemie belegt habe – da zischt und stinkt es wenigstens anschaulich-unangenehm, gell. Und die vielen schönen giftigen Stoffe~~~

    c

  8. P. Lindner

    Im Nachhinein wäre mir was Naturwissenschaftliches auch lieber, aber damals wollte es meine Birne nicht, da faul.

    Jetzt ist es wie es ist. Aber ‘n Kumpel meinte zu mir letztens: “Wenn dich die Welt fickt, dann passe dich dem Rhythmus an und irgendwann kommst du dann zum Orgasmus.” Da ist vielleicht was dran.

    Grüße!

  9. Corina Wagner

    Sigrid kam mir mit den Worten zuvor!

    Das war tatsächlich wieder ein original Lindner Text und kein Plagiat. Deinen Schreibstil erkennt man sofort, ohne den Namen lesen zu müssen.
    Herzliche Grüße nach Berlin
    Corina

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