Lebende Tote und Reformen

Viele firsten ihr Dasein in einer abgefuckten Beziehung nur aus purer Verlustangst.

Rede etwas zu oft von „Bomben“ und „Terror“ und schon hat das BKA oder der BND dein Handy anvisiert – selbst wenn es ausgeschaltet ist. Dein Profil auf Facebook wird dann vermutlich ebenfalls überwacht, laut WikiLeaks von der CIA, die einfach geil auf viele personenbezogene Daten ist. Dazu meint der Begründer von WikiLeaks, Julian Assange: „Facebook ist die schrecklichste Spionage-Maschine die jemals entwickelt wurde.“ Doch auch ohne die Absicht revolutionäre oder terroristische Aktivitäten zu verfolgen, wird der Mensch von klein auf in seinem täglichen Leben kontrolliert, was er auch fast grenzenlos hinnimmt. Kann sich der Einzelner dieser Kontrolle entziehen? Ist es möglich, dass der Mensch sich – im Kantschen Sinne – aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit befreien kann? Denn laut dem großen deutschen Philosophen wäre die selbstverschuldete Unmündigkeit demnach das freiwillige „Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Vom täglichen Terror

Der Durchschnittsdeutsche guckt täglich bis zu 5 Std. fern, das macht 1825 Std. im Jahr. Kalkulieren wir noch die 8 Std. Schlaf pro Tag hinzu, so bleibt einem weniger als die Hälfte der Zeit im Jahr für andere Dinge übrig. Wenn wir bedenken, wie viel von den täglichen 5 Stunden Bild- und Tonmaterial das Urteil „Prädikat wertvoll“ verdienen, so wäre es wohl für viele besser angesichts ihrer alltäglichen Selbstverdummung zu schweigen. Doch die Obrigkeit dankt still dafür, denn je weniger der Mensch Zeit zum Nachzudenken hat, desto unwahrscheinlicher wird es, dass er auf „dumme“ Gedanken kommt; zu den unerwünschten Gedankengut würde zählen: die Erkenntnis der eigenen nichtigen Lage im Gesellschaftssystem, die Erkenntnis seiner Manipulation, Konditionierung, Anpassung und letztendlich seiner Unterwerfung einem übergeordnetem (nicht selten repressiven) System. Diese aufklärenden Gedanken könnten möglicherweise den Anfang eines Gesellschaftsumbruchs oder gar Regierungssturzes bedeuten. Das will man auf keinen Fall zulassen. Falls der Einzelne dennoch anders tickt und seine Erkenntnisse öffentlich darstellt – und deren Dringlichkeit, bei fehlender Ressonanz, zusätzlich noch mit einer spektakulären Demo, einem Attentat untermauert – so kann dieser schnell von der Restgesellschaft ausgegrenzt, weggesperrt, ja gar exekutiert werden. Kant drückte das folgendermaßen aus: „Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben, und sorgfältig verhüteten, dass diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwage, darin sie sie einsperrten, wagen durften: so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen.“ Also Vorsicht! Man kann alleine allzu leicht auf die Schnauze fallen.

Angst und Faulheit sind die großen Ursachen, weswegen sich die meisten Menschen gern kontrollieren, also beherrschen lassen. Angst vor der Selbständigkeit, Furcht allein gelassen, marginalisiert zu werden, veranlasst Viele sich an ein oft ungerechtes, ausbeutendes System zu klammern. Nicht selten beispielsweise bleiben Leute in einer tristen, quälenden Beziehung stecken nur aus purer Verlustangst. Frust, Depressionen und dicke Eier werden dabei in Kauf genommen – Hauptsache nicht alleine sein. Selbstverständlich haben wir auch mächtig Schiss davor, was passiert wenn wir durch unser Gehirn-Update aus unserer Routine gerissen werden.

Unsere Faulheit sich selbst aus unserer Unmündigkeit zu befreien rührt wiederum aus unserer Bequemlichkeit; Verantwortung – abgelehnt! Kritik – zu anstrengend! Auflehnung – Scheiß drauf! Wir lassen es zu, dass unser tägliches Leben von anderen beherrscht wird und oft merken wir es nicht mal, was gewollt ist, denn: was ich nicht weiß, dass macht mich nicht heiß.
Und so schieben wir z.B. unser Einkaufswägelchen durch die Warenhäuser nicht ahnend, dass diverse Marktstrategen und Psychospezialisten aus uns Zombies gemacht haben, willig auch Müll einzukaufen und zu konsumieren. Selbstverständlich denkt beim Shopping jeder daran, dass die ideale Raumtemperatur, die zum Einkaufen animiert 19 Grad beträgt und die beste Musik exakt 72 Taktschläge pro Minute haben sollte. Für mehr als zwei Drittel der gekauften Produkte aus dem Supermarkt oder Warenhaus entscheiden wir uns spontan, wenn wir gehirnamputiert zwischen den Regalen schlendern. Wir laden ein, was wir eigentlich nicht brauchen. Wenn Mann und Frau zusammen in einem Kaufhaus sind, dann gilt es das männliche Glied schleunigst von der Frau zu trennen, denn beim Einkaufsbummel gilt der Mann grundsätzlich als Spielverderber. Doch keine Sorge, gleich neben dem Eingangsbereich gibt‘s bestimmt High-Hi-, Werkzeug- oder Sportartikel; daran bleibt so mancher hängen, während seine Alte den Einkaufswagen stopft. Und wie unbewusst das alles mittlerweile geschieht…
Deshalb zeige Courage und bediene dich deines eigenen Verstandes, meint Immanuel Kant. Sapere aude!

Aufklärung – oder die Kläranlage im Hirn

Die Leute sind grundsätzlich ungeduldig. Wenn der eine oder andere meint die Wahrheit und die Weisheit für sich gepachtet zu haben, so muss er sogleich andere davon überzeugen und am Besten im Schnelldurchgang; Jesus versuchte es mit Provokation und der inneren Umkehr, Osama mit Terror. Und während sich das Abendland weiter als je zuvor von den christlichen Werten entfernt hat, schaffte es der islamische Dschihad nicht den dekadenten Westen in die Knie zu zwingen. Auch Gehirnfick-Lektüren und Bestseller wie „Deutschland schafft sich ab“ oder seinerzeit „Mein Kampf“ kommen und gehen. So Viele habe Frust und möchten es an jemanden auslassen oder jemandem die Schuld für das eigene Versagen in die Schuhe schieben. Wer dachte schon nicht darüber nach mal eine Mikrowelle als Zünder zu benutzen und sie mit Gaskartuschen vollgestopft bei irgendeiner suspekten Institution (es gibt so viele davon) abzuladen, den Schalter auf „Auftauen“ zu kippen und sich diskret zu entfernen? Hilft das auf Dauer dem Individuum? Gewalt schafft nur Gegengewalt, ist also Mist. Doch als hitzköpfige Kreatur tendiert man mehr zu einer Revolution, als zu sinnvollen Reformen. „Durch eine Revolution wird vielleicht wohl ein Abfall von persönlichem Despotismus und gewinnsüchtiger oder herrschsüchtiger Bedrückung, aber niemals wahre Reform der Denkungsart zu Stande kommen; sondern neue Vorurteile werden, eben sowohl als die alten, zum Leitbande des gedankenlosen Haufens dienen“ – sagt Kant.
Der Philosoph meint, dass man den Mut haben sollte selbst zu denken und seine Gedanken frei und öffentlich zu äußern. Dabei ist es wichtig kritisch auf sich selbst aber auch alles andere zu sehen. Politische Prozesse, einzelne Sachverhalte, Gesetze und Systeme könnten ruhig in Frage gestellt werden, ohne dass man gleich von den Regierenden mit repressiven Mitteln bedroht wird. Durch allgemein zugängliche Vorschläge sollten diese in ihren Strukturen verbessert, reformiert werden, doch erst nachdem die eigene Denkungsart reformiert wurde. Das alles setzt Gewissen, Vernunft und Einsicht voraus.

Angst ist stärker

Und genau hier wackelt das Konstrukt, denn was sowohl den Einzelnen, wie auch die Massen am meisten zu Veränderungen treibt ist Angst und Furcht. Was hält uns oft von freundschaftlichen interkulturellen Beziehungen zu arabischen oder türkischen Migranten ab? Ist es die Gefahr ihrer Expansion, ihr Mangel an Assimilation oder ist es die Angst die man in uns um diese Dinge schürt? Oder aus einer anderen Kiste: nun lässt uns Angst im Supermarkt vor der Gemüsetheke Halt machen, wegen EHEC, vielleicht ist demnächst die Fischtheke dran, wenn Ware aus dem Pazifik rund um Fukushima bei uns landet. Also, das Nachdenken beim Shopping klappt ja doch.
Nun ist es die Angst, die die Massen zum Gehirnflippern größtenteils motiviert. Vielleicht wird es irgendwann das Gewissen und die Vernunft. Schritt für Schritt, oder wie es Kant ausgedrückt hat: „Die Menschen arbeiten sich von selbst nach und nach aus der Rohigkeit heraus, wenn man nur nicht absichtlich künstelt, um sie darin zu erhalten.“

Foto: P. Lindner


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9 Kommentare

  1. S. Steinebach’s avatar

    Hallo Päule, gibst Du bitte noch die Bildquelle an? Danke!

    1. P. Lindner

      Das Bild ist von mir; Plakat an der S-Bahn-Station Beusselstrasse ind Berlin, 2011.

  2. KLaus Binding’s avatar

    Hallo Päule, gute Analyse! “Politik machen heisst, den Leuten soviel Angst machen, dass sie mit jeder Lösung einverstanden sind” (W. Weidner, Journalist)
    Die größte Angst kann mit der Angst vor Krankheit erzeugt werden: Vogelgrippe, Schweinegrippe, Gurkengrippe… alles gradlinig gesteuert – WHO, CDC, EIS, RKI -und alle offiziellen Medien spielen mit.
    Und wenn du es publik machst, wirst du zum Verschwörer und Antisemit abgestempelt und fliegst raus.
    lG. Klaus

    1. P. Lindner

      Stimmt, oft wird man gleich zu einem paranoiden Verschwörer gemacht. Antisemitismus hat mir noch keiner vorgeworfen, aber auch die Israelis haben Dreck am stecken, wie jeder.

      Aber schau, sogar so eine Plastik-Klum wie Barbie, sagt einem vom Plakat aus: “Hey, du Arsch, kümmere dich mehr um deine Pussy, sonst läuft sie dir weg!” Ein Happy End ist also nur zusammen möglich, oder was?
      Natürlich wäre es aber für die oberen Zehntausend vorteilhafter, wenn einer dauernd an die hübschen Ärsche denkt anstatt daran, wo er im JobCenter eine Steckdose für seine Mikrowellen-Bombe findet.

      Wünsche einen schönen Tag und ein geruhsames Wochenende!

  3. Harald Blumenau

    Hallo Päule, hast Du schon einmal den Film Fight Club gesehen? Der wird Dir bestimmt gefallen, eine tolle Geschichte und starke Texte und Dialoge.

    “Ich sehe soviel Potential, wie es vergeudet wird! Herrgott noch mal, eine ganze Generation zapft Benzin! Räumt Tische ab! Schuftet als Schreibtisch-Sklaven! Durch die Werbung sind wir heiß auf Klamotten und Autos… Machen Jobs, die wir hassen! Kaufen dann Scheiße, die wir nicht brauchen! Wir sind die Zweitgeborenen der Geschichte, Leute… Männer ohne Zweck, ohne Ziel! Wir haben keinen großen Krieg! Keine große Depression! Unser großer Krieg ist ein spiritueller… Unsere große Depression ist unser Leben… Wir wurden durch das Fernsehen aufgezogen in dem Glauben, dass wir alle irgendwann mal Millionäre werden, Filmgötter, Rockstars… Werden wir aber nicht! Und das wird uns langsam klar! Und wir sind kurz, ganz kurz vorm Ausrasten…”

    1. P. Lindner

      Der Film ist Spitze! Klar, auch Hollywood beienflusst einen stark – Fight Club gerade positiv, meinte ich.
      Wenn ich mit meinem Saufkollegen auf die Straße unter Leute gehe, dann stelle ich ihm in guter Rambo-Manier stets die gleiche Frage:
      - Sir, werden wir diesmal wieder gewinne?
      - Das hängt ganz von dir ab, – antwortet er dann.

      Schönes Wochenende!

  4. Ostello Jaeger

    d`ear paul,
    überall aussteiger >> urlauber, fernseher, selbstdenker, freaks, alkis,
    drogis, yogis, zeitverdichter;) usw.
    aber was will ich damit eigentlich sagen? weiß nicht, vieleicht: alle
    wollen raus aber die ausgänge sind keine, solange dafür mit geld oder
    freiheit bezahlt werden muss.
    andere frage: lässt sich all die scheiße, die überall ans licht gelangt, überhaupt noch auslöffeln?
    ich denke nein, die wird entweder explodieren oder implodieren.
    und dann brauchen wir neue spielregeln nicht nur neue karten, und
    ich bin gerne wieder mit dabei…
    hg

    1. P. Lindner

      Deshalb, mein lieber Ostello der Tipp im Text mit der Mikrowellen-Bombe. Gaskartuschen rein, Steckdosen gibt’s überall und los geht’s.

      Klar muss da was hochgehen, denn – wie gesagt – die Erfahrung zeigt, dass die Leute nur über die Angst am schnellsten zu verändern sind. Traurig, was?

      Hin und wieder passiert da auch was – siehe beispielsweise neuerdings der Anschlag auf die Berliner S-Bahn.

      Liebe Grüße und eine schönes Wochenende wünsche ich.

  5. Ostello Jaeger

    na klar, damit was passiert muss erstmal was passieren…
    tschau

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